Johann David Michaelis

Orientalist, Theologe und Polyhistor
* 27.2.1717 Halle,
† 22.8.1791 Göttingen.

M. erhielt seine frühe Bildung seit 1729 auf der Schule des Waisenhauses sowie seit 1733 an der Universität in Halle, besonders durch seinen Vater und S. J. Baumgarten. Eine Verbindung seiner philologischen Studien und der Bibellektüre unter orthodoxen Voraussetzungen gelang ihm im pietistischen Umfeld dort nicht. 1739 Magister philosophiae et artium, blieb er als Privatdozent in Halle, bis er 1741 dank Beziehungen zum deutschen Hofprediger in London, F. M. Ziegenhagen, einen Englandaufenthalt antrat, der ihm wichtige Impulse theologischer Aufklärung brachte. Die Reise ermöglichte eine Begegnung mit dem holländ. Orientalisten A. Schultens, dessen Bedeutung für seine Arbeit M. später oft eingestand.
In Oxford, wo er einen Monat zum Studium von Handschriften in der Bodleiana nutzte, beeindruckte ihn der Professor der Poesie und spätere Bischof R. Lowth. Nach seiner Rückkehr übernahm M. die Rolle eines Vermittlers engl. Bibelwissenschaft und Kultur, indem er die in Nachfolge von J. Locke als Paraphrasen abgefaßten Kommentare von G. Benson zum Jakobusbrief und von J. Peirce zum Hebräerbrief auf Lateinisch herausgab (1746/47), S. Richardsons ›Clarissa‹ ins Deutsche mit übersetzte (1748) und 1758/61 durch eine eigene Ausgabe mit Zusätzen R. Lowths ›De sacra poesi Hebraeorum praelectiones‹ in Deutschland verbreitete.

1742-45 lehrte M. neben geringer Predigttätigkeit als Privatdozent in Halle, 1746 wurde er als Orientalist ao., 1750 o. Professor der Philosophie in Göttingen. 1751 wurde er unter A. v. Haller Sekretär der Gesellschaft der Wissenschaften, 1761 als Nachfolger von J. M. Gesner ihr Direktor, bis er 1770 aus ihr austrat. 1753 hatte er von Haller die Herausgabe der »Göttinger Gelehrten Anzeigen« übernommen, die er 1770 abgab, um daraufhin seine eigene »Orientalische und Exegetische Bibliothek« (1771-91) zu gründen. M.s Stellung an der Universität war von erheblichem Gewicht, sein Einfluß schwand jedoch in der Rivalität zu J. G. Heyne.

Nach seiner Dissertation von 1739, die noch das Alter der hebräischen Punktation verteidigte, trug M. zur Orientalistik durch eine große Zahl von Neubearbeitungen verschiedener Grammatiken und Lexika bei und schrieb eine ›Beurteilung der Mittel, … die ausgestorbene hebräische Sprache zu verstehen‹ (1757). Seine philologische Methode dokumentiert das ›Critische Gollegium über die drei wichtigsten Psalmen von Christo‹ (1759). Die Widmung des Buches an den dän. Kg. Friedrich V. zielte bereits auf dessen Unterstützung einer Forschungsreise nach Arabien, für die M. ›Fragen an eine Gesellschaft gelehrter Männer, die … nach Arabien reisen‹ (1762, franz. 1763) entwarf. Die in diesen Arbeiten erkennbare Ausrichtung der Bibelwissenschaften ist es, die J. G. Hamann zu seinen ›Kreuzzügen des Philologen‹ (1762) gegen M. veranlaßte. Das Interesse an vergleichender Untersuchung realer Lebensverhältnisse, ins Historische gewendet, beherrschte M.s gewichtigstes Werk zur Erklärung des Alten Testaments, das (Montesquieu nachfolgende) ›Mosaische Recht‹ (1770-75). M. interpretierte hier die Gesetze des Pentateuch statt in Orientierung an christlicher Dogmatik in Rücksicht auf die geschichtlichen Bedingungen und Zweckbestimmungen in ihrer (mosaischen) Entstehungszeit, ein Prinzip, das er entsprechend in seiner Erklärung der Völkertafel von Genesis 10 anwandte (Spicilegium geographiae Hebraeorum exterae post Bochartum 1769/80). Die durch solche Forschungen gewonnenen Informationen und Ideen präsentierte M. einem weiteren Publikum in seiner ›Übersetzung des Alten Testaments mit Anmerkungen für Ungelehrte‹ (1769-83, dazu 1. Makkabäer 1778).

Der in der christologischen Psalmendeutung geltend gemachte Zusammenhang des Alten und Neuen Testaments fand Ausdruck auch in M.s Arbeiten zum Neuen Testament. Neben einem Paraphrasenkommentar zum Hebräerbrief (1760/62) steht hier seine ›Einleitung in die göttlichen Schriften des Neuen Bundes‹, in ihrer ersten Auflage ein kleineres Werk (1750), in der dritten (1777) und vierten (1787/88) wesentlich erweitert und neben J. S. Semlers ›Abhandlung von freier Untersuchung des Kanon‹ (1771-75) von einiger Bedeutung, dank ihrer Übersetzung durch H. Marsh (1793–1801, mehrere Aufl., franz. 1822) einflußreich auch in England. Gegen die von G. E. Lessing herausgegebenen Reimarus-Fragmente richtete M. eine breite ›Erklärung der Begräbnis- und Auferstehungsgeschichte Christi nach den vier Evangelien‹ (1783/85). Auch vom Neuen Testament legte er eine Übersetzung mit Anmerkungen vor (1790).

An theologischen Schriften verfaßte M. als Frucht der Einsichten aus seiner Londoner Zeit ›Gedanken über die in heiliger Schrift offenbarte Lehre von der Genugtuung Christi als einer höchst-vernünftigen … Lehre‹ (1748, dazu über die Lehre von der Sünde 1752, beides umgearbeitet 1779) und bewegte sich auf diesem Feld weiter mit einem ›Entwurf der typischen Gottesgelahrtheit‹ (1753), einem ›Compendium theologiae dogmaticae‹ (1760, dt. als ›Dogmatik‹ 1784) und einer Ethik (›Moral‹, postum 1792). Ohne einen klaren Begriff der »Offenbarung« zu gewinnen, tragen diese Schriften überwiegend einen apologetischen Charakter.

Die große Berühmtheit M.s wuchs mit seiner Preisschrift zu dem von der Berliner Akademie ausgeschriebenen Thema ›De l’influence des opinions sur le langage et du langage sur les opinions‹ (dt. 1760, franz. 1762, engl. 1769), die zu einer Korrespondenz mit D’Alembert führte, dem Projekt der Arabienreise sowie dem zunächst anonym geschriebenen ›Raisonnement über die prot. Universitäten in Deutschland‹ (1768-76). Schon 1745 an der Debatte über die Rechtsstellung der Juden beteiligt und 1754 wegen einer Rezension von Lessings Schauspiel ›Die Juden‹ angegriffen, stand M. 1783 in einer Diskussion über C. W. v. Dohms ›Über die Bürgerliche Verbesserung der Juden‹.

Für die ihm vorschwebende Theologie, die »mit hinlänglicher Sprachkunde aus der Bibel geschöpft, und durch Philosophie aufgeklärt« sein solle und dadurch für die Gesellschaft nützlich werde (Raisonnement 1,74), hat M. durch seinen philologischen und historischen Ansatz in der Bibelwissenschaft Grundlegendes geleistet, wenn er selbst auch theologisch in »formaler Halborthodoxie« (Ringleben) stecken geblieben ist. Welche bleibende Bedeutung M.s für die Aufklärung in Deutschland darüber hinaus unter seiner wortreichen Vielschreiberei verborgen liegt, ist noch nicht hinreichend geklärt.

Werke von oder mit Johann David Michaelis:


reihe

Umschlagfoto

Johann David Michaelis: De l’influence des opinions sur le langage et du langage sur les opinions

Bremen 1762. Reprint.

Eingeleitet von Helga Manke.
GU 9
1973
LXVI, 208 S., 274 Abb.
Leinen
ISBN 978-3-7728-0226-3
Lieferbar
€ 58,–
© frommann-holzboog Verlag e.K. 2019