Philipp Otto Runge

Maler, Kunstgewerbler, Kunsttheoretiker und Dichter,
* 23.7.1777 Wolgast,
† 2.12.1810 Hamburg[...] (evangelisch)

Prägend für R. [...] waren Bibellektüre und Luthers Katechismus im streng prot. Elternhaus sowie der Unterricht durch Gotthard Ludwig Kosegarten (1758–1818) an der Stadtschule in Wolgast. 1795 trat er in Hamburg als Gehilfe dem Handelsgeschäft seines Bruders Johann Daniel bei und studierte daneben Homer, Vergil und Ovid, 1798 Ludwig Tiecks Künstlerroman ›Franz Sternbalds Wanderungen‹ sowie Schillers Musenalmanache und ›Horen‹. Zum Freundes- und Bekanntenkreis gehörten neben dem Kupferstichsammler Johann Michael Speckter, den Buchhändlern Friedrich Perthes und Johann Heinrich Besser auch Matthias Claudius und Klopstock.
Von Okt. 1799 bis März 1801 studierte R. an der Akademie in Kopenhagen, u. a. bei Nikolai Abildgaard und Jens Juel. Beeindruckt v. a. von John Flaxmans Umrißstichen zu Homer und Äschylos, entwickelte R. gegen den akademischen Lehrbetrieb und die normative Ästhetik des Klassizismus alsbald eine Opposition, die sich in Briefen und den gezeichneten Bildkompositionen ›Triumph des Amor‹ und ›Heimkehr der Söhne‹ (1800) niederschlug.

Nach einem Aufenthalt in Wolgast im April 1801 traf R. Ende Juni 1801 in Dresden ein. Hier erfolgte sein Durchbruch zur romantischen Kunst. Entscheidende Faktoren waren dabei das Studium der Gemäldegalerie, wo ihn besonders Raffaels ›Sixtinische Madonna‹ beeindruckte, die Liebe zu Pauline Bassenge, seiner späteren Frau, und die Freundschaft mit dem norweg. Schelling-Schüler und Naturphilosophen Henrik Steffens. Hinzu kam der Umgang mit Friedrich Schlegel und Ludwig Tieck, der die Kenntnis der Schriften Jakob Böhmes vermittelte, sowie mit dem Komponisten Ludwig Berger und den Malern Anton Graff, Ferdinand Hartmann, seit Juli 1802 auch mit Caspar David Friedrich und Friedrich August v. Klinkowström. 1801 beteiligte R. sich erfolglos an Goethes Preisausschreiben für bildende Künstler mit der Zeichnung ›Achill und Skamandros‹, was die endgültige Abkehr vom Klassizismus bewirkte. Im Febr. 1802 proklamierte R. das Ende der Historienmalerei und eine neuartige »Landschaft«, erstmals verwirklicht im Ölgemälde ›Triumph des Amor‹ (1801/02). [...] Als Gründungswerk der dt. romantischen Kunst gelten R.s ›Vier Zeiten‹, die, gezeichnet in Federumrissen zwischen Weihnachten 1802 und Juli 1803, als Kupferstiche erstmals 1805 (21807) erschienen. [...] Mit dem Plan einer monumentalen Ausführung der ›Zeiten‹, begleitet durch Dichtung und Musik in einer eigenen Architektur nach Art der Gotik, war die synästhetische Idee des romantischen Gesamtkunstwerks im Sinne Richard Wagners vorweggenommen. Joseph Görres widmete den ›Zeiten‹ 1807/08 eine Abhandlung, Goethe, mit dem R. im Nov. 1803 in Weimar persönlich zusammengetroffen war, hatte sie 1811 in seinem Musikzimmer hängen.

Seit 1804 lebte R., mit Unterbrechung 1806/07 in Wolgast, wieder in Hamburg, wo er im Frühjahr 1806 Johann Friedrich Overbeck aus Lübeck empfing und 1807 dem jungen Arthur Schopenhauer sowie dem Kunsthistoriker Carl Friedrich Rumohr begegnete. Neben eindringlichen Porträts und Selbstporträts entstanden symbolische und religiöse Gemälde [...].

Das Erzähltalent R.s äußerte sich in den beiden 1806 in plattdt. Mundart niedergeschriebenen Märchen ›Von den Fischer un syne Fru‹ und ›Von den Mahandel Bohm‹. Ihr lapidarer Erzählstil und die scheinbar kindliche Einfachheit dienten als erklärtes Vorbild für die Brüder Grimm, die sie in ihre ›Kinder- und Hausmärchen‹ aufnahmen (Erstaufl. 1812).

Über farbtheoretische Probleme korrespondierte R. 1806 mit Goethe, der im Anhang seiner ›Farbenlehre‹ (1810) R.s Brief vom 3.7.1806 abdruckte. Die Beschäftigung mit der Farbentheorie bezeichnet eine Akzentverschiebung von allegorisch verschlüsselter Naturmystik zu einer naturwissenschaftlichen Fundierung der sinnlichen Aspekte der Malerei. Im ›Kleinen Morgen‹ (1808) erscheint im Mittelbild Aurora, aus deren Hand die Lichtlilie ins Universum aufsteigt, während kindliche Genien dem Säugling auf der Wiese Rosen als materialisiertes Morgenlicht darbringen. Das Außenbild zeigt den Aufstieg der Seele von der verfinsterten Sonne zur Herrlichkeit Gottes. Beim ›Großen Morgen‹ (1809/10) plante R., das Innenbild durch einen geschnitzten Rahmen vom nicht mehr ausgeführten Außenbild abzusetzen und das Ganze durch einen noch größeren plastischen Rahmen einzufassen. Das Kolorit arbeitet bereits, wie später der Impressionismus, mit buntfarbigen Schatten und überwindet so die traditionelle Helldunkelmalerei. Dies hängt zusammen mit der Schrift ›Die Farbenkugel‹, von der R. 1809 das Manuskript und 1810 ein gedrucktes Exemplar an Goethe schickte. Die hier veröffentlichten Erkenntnisse über Farbenharmonie und -disharmonie und ihre psychologische Wirkung waren bahnbrechend.

R.s kunstgewerbliche Originalität dokumentieren die meisterhaften Scherenschnitte, in der Frühzeit figürliche Motive und Szenen, später v. a. Blumen und Pflanzen. Das Projekt für ein Grabmal (1808) antizipiert den Jugendstil, indem es die gesamte Architektur pflanzlich verwandelt. Die beiden Entwurfsserien für ein Kartenspiel (1809) zeigen anstelle der bis dahin üblichen ganzfigurigen Trümpfe diese erstmals jeweils als Halbfigur im Gegensinn verdoppelt. Unter R.s Entwürfen für Buchumschläge sind die beiden Fassungen zu Perthes’ Zeitschrift »Vaterländisches Museum« Inkunabeln einer anti-napoleonischen, patriotischen Kunst in Deutschland (1809). Im Dez. 1809 trat R. in einen Briefwechsel mit Clemens Brentano, seinem zeitlebens größten Verehrer, ein.

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