Norbert Hinske

Mein Weg in die Philosophie war ein Umweg. Auf meinem Reifezeugnis heißt es 1949 lapidar: »Norbert Hinske will Theologie und Germanistik studieren«. Der Gedanke an ein Philosophiestudium lag mir fern, ja er lag außerhalb meines Gesichtskreises. Das Studium der Kath. Theologie aber begann, ob man es wollte oder nicht, mit einem Studium der Philosophie, das nach vier Semestern mit einem umfassenden »Examen philosophicum« abgeschlossen werden mußte. Kirchengeschichte und Vorfragen der exegetischen Fächer standen demgegenüber deutlich im Hintergrund. Hebräisch hatte ich bereits auf dem Gymnasium zu Berlin-Steglitz, einem hochangesehenen humanistischen Gymnasium, gelernt.

An der Philosophisch-theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main, an der ich im Wintersemester 1949/50, kurz nach Ende der Blockade Berlins, mit dem Studium begann, und am Berchmanskolleg in Pullach, an dem ich 1952 das Lizentiat in Philosophie erwarb, wurde die Philosophie damals noch – und zwar größtenteils auf Lateinisch – in bester neuscholastischer Manier abgehandelt. Heute, aus dem Abstand von vierzig Jahren, sehe ich auch die positiven Seiten dieses Verfahrens: Man erhielt einen breiten Überblick über die Grundfragen der Philosophie und ihre Geschichte, man wurde daran gewöhnt, die gebrauchten Begriffe klar zu definieren, zwischen verschiedenen Bedeutungen zu »distinguieren« und die Argumente auf den Punkt zu bringen. Und man machte die Erfahrung, freilich unter Verstoß gegen alle Regeln von Menges berühmt-berüchtigten »Repetitorium der lateinischen Syntax und Stilistik«, daß Latein eine höchst lebendige Sprache sein konnte.

Wer dieses Studium absolviert hatte, der war nicht so leicht durch wechselnde Zeitstimmungen ins Bockshorn zu jagen, wie das heute leider bei so vielen Pastoren und Bischöfen der Fall ist. Doch das ist die distanzierte Sicht von heute. Damals sah ich die Dinge freilich völlig anders: ich litt unter der Dürre jener Philosophie und ihrer angemaßten Sicherheit, die auf alles eine Antwort parat hatte. Zwar machte ich mein »Examen philosophicum« in Frankfurt und mein philosophisches Lizentiat in Pullach mit den besten Noten. Aber ich schwor mir, Rache zu nehmen für drei Jahre der Schulmeisterei und der philosophischen Schmalkost. So zog es mich, wie es 1952 eben Mode war, nach Freiburg in den Breisgau in den Schatten Martin Heideggers. »Sein und Zeit« wurde zur täglichen Lektüre. Erst langsam dämmerte mir, daß ich die alten Schulzwänge nur gegen neue, modischere vertauscht hatte.

Heute vermute ich, daß es insbesondere drei Momente waren, die bei meiner umwegigen Art, mit der Philosophie zu beginnen, von bleibender Bedeutung gewesen sind.

  1. Im Wintersemester 1950/51 hielt Caspar Nink in Frankfurt zwei Seminare, eines über »Ausgewählte Kapitel aus Kants Kritik der reinen Vernunft« und eines über Hegels »Phänomenologie des Geistes«, zwei Werke, über die Nink auch eigene Kommentare veröffentlicht hatte. Natürlich verstand ich damals so gut wie nichts. Aber ich verstand wenigstens, daß man sich durch Werke dieses Kalibers, koste es was es wolle, hindurchzukämpfen hatte, wenn es einem mit der Philosophie ernst ist. Was die »Kritik der reinen Vernunft« angeht, so bin ich damit noch immer, mehr oder minder erfolgreich, beschäftigt. Auch der Kant-Index, eine Art großangelegter Lesehilfe zur »Kritik der reinen Vernunft« und ihrer Begriffssprache, ist vielleicht eine Langfristfolge jenes ersten Kantseminars. Die Widmung, die mir Nink bei einem Besuch spontan in mein Exemplar seines Kantkommentars hineinschrieb, - sie stammt von einer auf Kant geprägten Medaille – hat sich mir jedenfalls unauslöschlich eingeprägt: »Perscrutatis fundamentis stabilitur veritas«. Vielleicht ist Nink es gewesen, der das Feuer der Philosophie in mir entzündet hat.
  2. Meine Lizentiatsarbeit schrieb ich über »Das Unbewußte bei Carus und Aristoteles. Ein Vergleich auf Grund der psychologischen Schriften des Aristoteles«. Dabei begriff ich rasch, daß meine Griechischkenntnisse für ein seriöses Aristotelesstudium bei weitem nicht auslangten. So begann ich in Freiburg gleichzeitig mit dem Studium der Klassischen Philologie. Freilich wandte sich meine Liebe bald mehr und mehr Platon zu. »Veritas mihi amica, magis amicus Plato« witzelte damals Odo Marquard, mit dem ich mich gemeinsam auf die Promotion bei Max Müller vorbereitete. Er brachte mir im Schnellkurs Kant bei, ich ihm Platon. Offenbar war Marquard der mit Abstand bessere Lehrer. Aus ihm ist nie ein Platonforscher geworden ...
  3. Leo XIII. hatte 1879 in seiner Enzyklika »Aeterni Patris« gefordert, Philosophie und Theologie sollten sich in kath. Lehranstalten am Denken Thomas von Aquins orientieren. Die Philosophie in Sankt Georgen und am Berchmanskolleg wurden in jenen Jahren noch von dieser Forderung geleitet. Natürlich verstellte ein solches Programm den Blick auf die großen, originären Leistungen der neuzeitlichen Philosophie. Die Kehrseite der Medaille aber war, daß man die klassischen Texte des Mittelalters, so als wären sie erst gerade eben geschrieben, mit genuinem Sachinteresse studierte – auch wenn im philosophischen Alltag, ohne daß es jemand ahnte, wohl mehr Christian Wolff als Thomas von Aquin das Denken bestimmte. Das führte nahezu zwangsläufig zu einer eher unbewußten Grundeinstellung: Das Neue war nicht schon eben deshalb das Bessere. Grundlegende Einsichten der Philosophie veralten offenbar nicht, ja sie sind und bleiben nicht selten unüberholbar. Was in der Philosophie von bleibendem Rang ist, stellt sich häufig erst heraus, wenn sich der Pulverdampf der gerade aktuellen Diskussion verzogen hat. »In der Philosophie ist das Gespräch mit den Toten in der Regel fesselnder als das Gespräch mit den Lebenden«, habe ich unlängst in meinem Bändchen »Ohne Fußnoten« geschrieben. Vielleicht sind Sätze wie dieser Spätfolgen eines höchst untypischen Wegs in die Philosophie, long long ago.
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