Shaftesbury (Anthony Ashley Cooper)

Anthony Ashley Cooper (nach dem Tod seines Vaters im November 1699 dritter Earl of Shaftesbury) wird am 26. Februar 1671 in London geboren.
Im Frühjahr 1674 nimmt der Großvater, der politisch einflussreiche erste Earl of Shaftesbury, den Jungen in seine Obhut. Mit der Erziehung des Enkels betraut er seinen Leibarzt, Sekretär und Vertrauten, John Locke, unter dessen Aufsicht der junge Lord Ashley profunde Latein- und Griechischkenntnisse erlangt; Shaftesbury sollte seinem Lehrer trotz philosophischer Differenzen bis zu dessen Tod im Jahr 1704 freundschaftlich verbunden bleiben.
Von 1680 an (der Großvater stirbt im Januar 1682/83 im holländischen Exil) folgen verschiedene Stationen auf dem Bildungsweg Shaftesburys, bevor er im Sommer 1687 zur Grand Tour aufbricht. Nach seiner Rückkehr 1689 widmet er sich dem eingehenden Studium klassischer Autoren und bereitet sich auf seine Standespflichten, familiären Aufgaben sowie seine politische Laufbahn vor, die er 1695 als Parlamentarier für den Wahlkreis Poole (Dorset) antritt.

Aus gesundheitlichen Gründen und dem Bedürfnis, Abstand zu seinem politischen Alltag zu gewinnen, zieht er sich 1698/99 in die Niederlande zurück, wo er in Kontakt mit Gelehrten wie Pierre Bayle, Philipp van Limborch und Jean Le Clerc tritt.
Zur Jahreswende 1699/1700 – gerade war die erste große Abhandlung, Inquiry concerning Virtue, or Merit anonym veröffentlicht worden – nimmt er seinen Platz im Oberhaus ein.
In den folgenden Jahren leidet Shaftesburys politische Tätigkeit, trotz unverminderten Engagements, zunehmend unter seiner labilen Gesundheit. Ein weiterer einjähriger Aufenthalt (»retirement«) in Holland erfolgt 1703/04. Mit der Veröffentlichung des Sociable Enthusiast 1704 beginnt seine schriftstellerisch produktivste Phase.

Im Sommer 1709 heiratet Shaftesbury Jane Ewer (1689-1751); aus der Ehe geht ein Sohn, der spätere vierte Earl und Freund Georg Friedrich Händels, hervor.
Von chronischem Asthma gezeichnet entschließt sich Shaftesbury 1711 zum Umzug nach Neapel. In diesem Jahr erscheint auch die erste, dreibändige Ausgabe der Characteristicks, die seine philosophischen Schriften in teils erheblich überarbeiteter Form zusammenfassen. Die Zeit in Italien verbringt Shaftesbury, so weit es sein Leiden erlaubt, mit der Arbeit an der zweiten Ausgabe der Characteristicks (posthum 1714) sowie an den unvollendeten Second Characters.
Er stirbt am 4. Februar 1713 einundvierzigjährig in Chiaia bei Neapel.

Shaftesbury fühlt sich antikem Denken verpflichtet. Er lehnte eine strikte Trennung der verschiedenen Disziplinen der Philosophie ab; in seinem Werk verschmelzen theoretische und praktische Philosophie, Erkenntnislehre, Ästhetik und Ethik, Philosophie und rationale Theologie.
Immer wieder widmet sich der Earl – »der gefährlichste Feind der Religion, weil er der feinste ist« (Lessing) – der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Moraltheologie und philosophischer Tugendlehre. Dabei greift er die Frage nach dem Verhältnis von Deismus und Theismus, von natürlicher und geoffenbarter Religion auf.

Sprichwörtlich wurde seine Lehre vom »moral sense«. Diese »affection to the Good itself« (Inquiry), die dem Menschen ursprünglich eigen ist (»connatural«), äußert sich im Sinnlichen als Faszination durch das Schöne, im Denken als Suche nach Wahrheit und im Sittlichen als Entscheidungskraft (»sense of right and wrong«), die das Handeln am gemeinsamen, sozialen Guten (»Publick Good«) orientiert. Mit dieser Lehre wendet er sich gegen den Hobbesschen Egoismus, Lockes Empirismus, gegen theologische Positionen der damaligen Hochkirche, die Staatslehre der monarchisch gesinnten Hofpartei und gegen eine radikale Skepsis, die an der Unterscheidungsfähigkeit des Menschen zweifelt, verzweifelt.
Seine Philosophie zielt auf die Kultivierung der Affekte, die moralische (Selbst)Erziehung der Person und auf das gemeinsame sittliche Handeln in Staat und Gesellschaft.

Shaftesburys Schriften fanden ein nachhaltiges Echo. Die Verknüpfung von Schönheit und Wahrheit (»all Beauty is Truth« – Sensus communis) und Tugend (»Virtue the chief Beauty« – Inquiry), die antikes Denken aufgreift und aktualisiert, die subtile Kritik an abstraktem Räsonieren (»The most ingenious way of becoming foolish, is by a System« – Soliloquy), die der praktischen Philosophie und dem Handeln den Vorrang einräumt, seine Wiederbelebung des philosophischen Dialogs (The Moralists) oder schließlich der kontroverse »test of ridicule« (Letter concerning Enthusiasm), der keine Wahrheitsfragen entscheiden soll, sondern unsere Gemütsverfassung, in der wir etwas für wahr halten auf die Probe stellt, stießen sowohl in England als auch in Holland, Frankreich und Deutschland auf große Resonanz. Shaftesburys Ruf stützte sich dabei nicht bloß auf die Schärfe und Relevanz seiner Gedanken, sondern nicht zuletzt auf die ausgefeilten literarischen Formen, in denen er diese frei vom philosophischen Jargon seiner Zeit zu präsentieren wusste.

Zu den Philosophen und Schriftstellern, die Shaftesbury in den Rang eines der originellsten Denker seiner Zeit erhoben, zählen u. a. Leibniz, Hutcheson, Diderot, Wieland, Herder und Goethe, während Mandeville und Berkeley zentrale Lehren des Grafen in ihren Schriften (nicht ohne Polemik) zu widerlegen suchten.

Weblink: The Shaftesbury Project, Universität Erlangen-Nürnberg

Werke von oder mit Shaftesbury (Anthony Ashley Cooper):


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Shaftesbury (Anthony Ashley Cooper): Standard Edition (SE)

Sämtliche Werke, ausgewählte Briefe und nachgelassene Schriften.

Herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Wolfram Benda, Christine Jackson-Holzberg, Patrick Müller und Friedrich A. Uehlein.
1981ff
Ca. 20 Bände
Leinen
ISBN 978-3-7728-0743-5

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