Friedrich Heinrich Jacobi

Friedrich Heinrich Jacobi, geb. am 25. Januar 1743 in Düsseldorf, gest. am 10. März 1819 in München, Philosoph und Romanautor, gehört als ihre »graue Eminenz« zu den bedeutendsten Repräsentanten der Klassischen Deutschen Philosophie. Er selbst hat sich einen "privilegierten Ketzer genannt und damit seine epochale Doppelrolle markiert. Aufgrund seiner durchgreifenden Problemanalysen, die zunächst der durch ihn erst in den offiziellen philosophischen Diskurs gerückten Metaphysik Spinozas und der gerade erschienenen Transzendentalphilosophie Kants gewidmet waren, avancierte er nicht nur zum überall präsenten Anreger, der der Ausbildung der nachkantischen Philosophie in allen ihren Strömungen einen neuen Denk- und Sprachraum eröffnet hat. Auf der Basis dieser Analysen profilierte er sich auch lange vor Kierkegaard als der erste vehemente Kritiker der nachkantischen Systemphilosophie. Die unorthodoxe Textur seiner Schriften spiegelt ein Leben fernab akademischer Zwänge. Umfassend belesen und mit der Prominenz der Zeit bekannt oder (wie mit Wieland, Goethe, Hamann, Herder und Claudius) befreundet, agierte Jacobi als weltgewandter homme des lettres, der das reichste Korrespondenzcorpus der Epoche hinterlassen hat. 1807 wurde er zum ersten Präsidenten der Münchener Akademie der Wissenschaften ernannt, der er bis 1812 vorstand.

»Wie ein Donnerschlag vom blauen Himmel herunter« (Hegel) wirkte seine, die sog. Spinoza-Renaissance auslösende Publikation »Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn« (1785; v.a. um die grundlegende Beilage VII wesentlich erg. 2. Aufl. 1789). Zugespitzt in der wirkmächtigen Formel vom »Seyn in allem Daseyn« wurde Spinozas Metaphysik der Immanenz hier erstmals als modernes Systemparadigma konsequenter, darum aber auch notwendig zum »Fatalismus« führender Rationalität rekonstruiert und gegenüber Mendelssohns Rationalismus als klar überlegene Philosophie verteidigt. In eins mit seiner Bewunderung für Spinoza präsentierte Jacobi hier zugleich seinen im Sprung eines »Salto mortale« figurierten Schluss, dass die Erfahrung freien Handelns sich jeglicher Begründung entzieht und nur im Modus »unmittelbarer Gewissheit« vergewissert werden kann.

Vor die radikale Alternative zwischen dem spinozistischen »Hen kai pan« und die Option der Freiheit gestellt, wurde die Suche nach ihrer Versöhnung zum Grundproblem der Epoche. Im anhaltenden Streit um ein überzeugendes »System der Freiheit« sah sich v.a. das Denken Fichtes, Schellings und Hegels durch Jacobis Analyse in seine spekulative Höhenlage geführt und, durch Jacobis einflussreiche Kritik an Kants Lehre vom »Ding an sich« (»David Hume über den Glauben oder Idealismus und Realismus« 1787) zusätzlich motiviert, so auch über Kant hinausgetrieben.

Parallel zum Erfolg seiner Wirkungsgeschichte geriet jedoch Jacobi selbst, nicht zuletzt durch die Fehldeutung des »Salto mortale«, ins irrationale Abseits sog. »Glaubens- und Gefühlsphilosophie«, während er tatsächlich auf dem Konzept einer qualitativ von Rationalität zu unterscheidenden Vernunft insistierte. Mit der metaphysischen Tragweite dieser Differenz verband er auch die Unterscheidung der Begriffe von Grund und Ursache, die als seine bedeutendste philosophische Leistung gewürdigt werden muss. Der logische Zusammenhang von Grund und Folge ist etwas ganz anderes als der zeitliche Zusammenhang von Ursache und Wirkung, der sich ursprünglich im Handeln konkreter Personen manifestiert. Kennzeichen des Systemdenkens hingegen ist, diese Hinsichten von Grund und Ursache zu vermischen (»ratio sive causa«) mit der Konsequenz, eine »Aktuosität« des Ganzen gegen die Existenz eines personalen Gottes und der menschlichen Person in ihrer Individualität und Freiheit zu vollstrecken. Diese zunächst in der Auseinandersetzung mit Spinoza formulierte These sah Jacobi dann auch durch die nachkantische Systemphilosophie bestätigt, was ihm zum Anlass wurde, im Atheismusstreit gegen Fichtes Wissenschaftslehre (»Jacobi an Fichte« 1799) und im späteren Theismusstreit gegen Schellings Bemühungen um ein personalistisch gewendetes System (»Von den Göttlichen Dingen und ihrer Offenbarung« 1811) als »privilegierter Ketzer« aufzutreten.

Werke von oder mit Friedrich Heinrich Jacobi:


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Friedrich Heinrich Jacobi: Briefwechsel – Nachlaß – Dokumente

Herausgegeben von Walter Jaeschke und Birgit Sandkaulen.
1981ff
Ca. 33 Bände
Leinen
ISBN 978-3-7728-1366-5

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