Immanuel Kant

Philosoph,
* 22.4.1724 Königsberg (Preußen),
† 12.2.1804 Königsberg (Preußen), Dom. (lutherisch)

Elternhaus, Schule, Studium (1724–46)

Wie zahlreiche andere Gelehrte und Publizisten der deutschen Aufklärung stammt K. aus einfachen Verhältnissen. […] In beiden Familien sind die Berufe des Ledergewerbes: Färber, Gerber, Sattler, Kürschner, Schuhmacher stark vertreten. […] Eine wichtige Komponente dieser Atmosphäre des Elternhauses bildete der Pietismus, der K. bei aller Kritik und inneren Distanz tief beeindruckt und beeinflußt hat. Nicht seinen Kult- und Ausdrucksformen, wohl aber seiner Haltung und Gesinnung stand K. bis ins hohe Alter mit Respekt, ja Zustimmung gegenüber. »Die Leute, denen er ein Ernst war«, so lautet K.s Urteil gegenüber Rink, »besaßen das Höchste, was der Mensch besitzen kann, jene Ruhe, jene Heiterkeit, jenen innern Frieden, die durch keine Leidenschaft beunruhigt wurden«. […]

Durch die Mutter gelangt K. auch in den Wirkungskreis von Franz Albert Schultz, einem der führenden Köpfe des Königsberger Pietismus, der aber zugleich zu den bedeutendsten Schülern des Aufklärungsphilosophen Ch. Wolff zählte. Schultz hat K.s Talent schon früh entdeckt und Zeit seines Lebens gefördert. Auf seine Veranlassung hin wechselt K., der zunächst die Vorstädt. Hospitalschule besucht hatte, 1732 als Achtjähriger aufs Gymnasium, und zwar auf das seit 1733 von Schultz geleitete »Fridericianum« über. […] Nach dem Zeugnis der Schulakten zählte K. in der Regel zu den besten Schülern. […]

Am 24.9.1740, also mit sechzehn Jahren, kurz nach dem Regierungsantritt Friedrichs des Großen, wird K. nach Ablegung des damals üblichen Immatrikulationsexamens an der Albertina, der Königsberger Universität, immatrikuliert. Das Schwergewicht seines Studiums, das er teils mit Hilfe von Verwandten, teils durch Unterricht und (wenn man dem späten Bericht seines Studienfreundes Heilsberg Glauben schenken darf) durch Billardspiel finanziert, liegt nicht auf den positiven Wissenschaften, die der akademischen Ausbildung dienten, sondern auf den damals sogenannten »Humaniora«, vor allem auf Mathematik, Philosophie und den lateinischen Klassikern. […]

Die Etappe der Konziliation (1746–56)

Noch während des Studiums beginnt K. mit der Ausarbeitung einer umfangreichen Abhandlung – keineswegs einer Examensarbeit – die sich, wie K. schreibt, mit einem damals »berüchtigten Streit«, ja mit einer der »größten Spaltungen … unter den Geometrern von Europa« beschäftigt. Es sind dies die schon 1746 der Philosophischen Fakultät zur Zensur vorgelegten, aber erst 1749 erschienenen ›Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte‹. Die naturwissenschaftliche Interessenlage dieser Schrift bleibt für die kommenden 10 Jahre bestimmend, ihre spezifisch philosophischen Grundprobleme aber wirken darüber hinaus bis tief in die kritische Philosophie hinein weiter. […]

Kurz vor Abschluß des Studiums verliert K. auch den Vater. [Die Mutter verlor er schon als 13jähriger.] Seine Eintragung in das Familienbuch wirft ein aufschlußreiches Licht auf die Geisteshaltung, die K. auch nach dem Besuch der Universität bestimmt: »Anno 1746 d. 24. März Nachmittags um halb 4 Uhr ist mein liebster Vater, durch einen seeligen Tod abgefordert worden. Gott der ihm in diesem Leben nicht viel Freude geniessen lassen, lasse ihm davor die ewige Freude zu Theil werden.« Die folgenden Jahre verbringt K. als »Hofmeister«, das heißt Hauslehrer, bei dem reformierten Prediger Daniel Andersch in Judtschen bei Gumbinnen, einer bis zu einem gewissen Grad selbständigen Schweizer Kolonie meist französisch sprechender Siedler (bis etwa 1751), und bei dem Gutsbesitzer Major Bernhard Friedrich von Hülsen auf Groß-Arnsdorf bei Mohrungen (bis etwa 1753). In diesen Jahren tritt zum erstenmal ein charakteristischer Zug der K.schen Biographie hervor: auf einen Zeitraum konzentrierter Produktion folgt eine Phase völligen Schweigens. Sie findet in diesem Fall erst im Sommer 1754 durch eine Reihe kleinerer naturwissenschaftlicher Beiträge für die »Königsberg. Frag- und Anzeigungs-Nachrichten« ihr Ende. Zu dieser Zeit befindet sich K. bereits wieder in Königsberg.

Die anschließende Produktionsphase ist eng mit K.s akademischem Werdegang verknüpft, geht aber bei weitem nicht darin auf. Im März 1755 erscheint, und zwar zunächst anonym, die umfangreiche ›Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels‹, die den Versuch macht, die Entstehung des Weltgebäudes mit Hilfe der Newtonschen Anziehungs- und Abstoßungskraft aus den einfachsten Elementen der Materie abzuleiten, und damit Grundgedanken der Laplaceschen Weltentstehungshypothese (1796) vorwegnimmt. […]

Am 17.4.1755 reicht K. der Philosophischen Fakultät seine Promotionsschrift ›de igne‹ ein, am 13.5. findet das »examen rigorosum«, am 12.6. der öffentliche Promotionsakt statt, über den die »Königsberg. Frag- und Anzeigungs-Nachrichten« eingehend berichten. […] Schon dreieinhalb Monate später, am 27.9.1755, erfolgt K.s Habilitation mit der Schrift ›Principiorum primorum cognitionis metaphysicae nova dilucidatio‹. Wieder ein paar Monate später erscheinen in kurzem Abstand drei kleinere, allgemeiner gehaltene naturwissenschaftliche Abhandlungen, die durch das Erdbeben von Lissabon veranlaßt sind.
Am 23.3.1756 schließlich reicht K. der Philosophischen Fakultät als dritte Dissertation – nach einer Verordnung Friedrichs des Großen (vom 24.12.1749) wurden für ein Extraordinariat drei öffentliche Disputationen vorausgesetzt – die ›monadologia physica‹ ein. Die Disputation findet am 10.4.1756 statt, einer der 3 Opponenten ist Ludwig Ernst Borowski. […]

Mit Ausnahme der Habilitationsschrift, bei deren Themenwahl äußere Gründe mitgespielt haben können, haben auch die Schriften dieser Produktionsphase Probleme der Naturwissenschaft zum Gegenstand. […] Und wieder ist K. darum bemüht, zwischen den verfeindeten »Parteien« (Naturalismus – Christentum; Wolffianismus – Crusianismus; Leibnizianismus – Newtonianismus) zu vermitteln, die partielle, durch gemeinsame Irrtümer nur verdeckte Wahrheit der verschiedenen Positionen ans Licht zu bringen und so »gewissermaßen die Ehre der menschlichen Vernunft« zu verteidigen. Eben diese »Konzilianz« gibt den Schriften der Jahre 1755/56, so verschieden sie ihrer Thematik nach auch sein mögen, ihre innere Einheit und ein sachliches Gewicht, das sie über ihre historische Bedeutung hinaus vom Methodischen her auch für die Gegenwart noch interessant macht.[…]

Die Etappe der Analysis (1756–69)

Im WS 1755/56 beginnt K., von stärkstem öffentlichen Interesse begleitet, […] als Privatdozent, seine Vorlesungstätigkeit; bei seiner ersten Vorlesung, so berichtet Borowski, sind selbst Vorhaus und Treppe »mit einer beinahe unglaublichen Menge von Studirenden angefüllt«. Die Fächer, über die K. – nach dem Vorlesungsstil der Zeit am Leitfaden von Kompendien – liest, sind zunächst, ähnlich wie bei seinem Lehrer Knutzen, Logik, Metaphysik, Ethik, Mathematik, theoretische Physik sowie außerdem physische Geographie, eine Disziplin, die K. in Königsberg als erster in den Kreis der akademischen Lehrfächer einbringt; später treten noch Naturrecht (ab WS 1766/67), philosophische Enzyklopädie (ab WS 1767/68), Anthropologie (ab WS 1772/73) und Pädagogik (ab WS 1776/77) hinzu. Vereinzelt liest K. auch über Mechanik und Mineralogie, auch Vorlesungen über natürliche Theologie beziehungsweise philosophische Religionslehre sind glaubwürdig bezeugt. […]

Die Zeit der Privatdozentur (1755–70) verändert jedoch nicht nur K.s berufliche Situation. […] Sein gelöstes Auftreten, seine Freude an geistreicher Unterhaltung, gemeinsamem Essen, Kartenspiel und Theater, sein sprühender Witz, nicht zuletzt aber auch sein Charme gegenüber dem weiblichen Geschlecht machen K. bald zu einem umworbenen Liebling der Königsberger Gesellschaft und tragen ihm den Titel des »eleganten Magisters« ein. […]

Sieht man von 4 kurzen Programmschriften ab, die, den damaligen Universitätsverhältnissen entsprechend, zugleich der Ankündigung der Vorlesungen zu dienen hatten, so beginnt mit der Vorlesungstätigkeit in K.s schriftstellerischer Arbeit zugleich ein Zeitraum erneuten Schweigens. Er wird 1762 von einer Phase fast hektischer Produktivität abgelöst, Benno Erdmann spricht mit Recht von der »erstaunlichen Productionskraft des Philosophen in diesen Jahren«. In ihnen tritt auch von der Stoffwahl her ein veränderter K. vor die Öffentlichkeit. Standen bis 1756 naturwissenschaftliche Themen ganz im Vordergrund des Interesses, so behandeln die Schriften der folgenden Jahre fast ausschließlich Fragen der Logik und Metaphysik auf der einen, der Ethik und Anthropologie auf der anderen Seite. Dem entspricht es, wenn in K.s Lehrtätigkeit mit dem Jahre 1763 die Vorlesungen über Mathematik ganz aufhören und die über theoretische Physik seltener werden.
Die erste Schrift, die in diese neue Produktionsphase gehört, ist K.s kurze Skizze über ›Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren‹, allem Vermuten nach eine Einladungsschrift für seine Vorlesungen des WS 1762/63. Auf sie folgt kurz darauf die Hauptschrift dieses Zeitabschnitts, ›Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes‹; sie ist nicht, wie das Titelblatt angibt, 1763, sondern schon im Dezember 1762 erschienen. Zu diesem Zeitpunkt arbeitet K. jedoch bereits an seiner Antwort auf die Preisfrage der Berliner Akademie für das Jahr 1763, der ›Untersuchung über die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und der Moral‹. Diese Abhandlung, die von K. kurz vor dem 31.12.1762 eingereicht wird, erhält am 2.6.1763 den zweiten Preis – der erste fällt an [Moses Mendelssohn]{Mendelssohn, M.] – und erscheint im Frühjahr 1764 im Drude. Vor allem diese beiden Schriften sind es, die K. lange vor der ›Kritik der reinen Vernunft‹ in ganz Deutschland als philosophischen Autor bekannt machen.
Noch vor der Preisschrift aber erscheinen in dichter Folge 3 weitere Abhandlungen: 1763 der ›Versuch, den Begriff der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen‹ (er hat der Philosophischen Fakultät am 3.6.1763 zur Zensur vorgelegen); im Januar 1764 die ›Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen‹, die K. im Herbst 1763 während der Semesterferien im Forsthaus Moditten, eine Meile von Königsberg entfernt, zu Papier bringt; und schließlich im Februar 1764 der ›Versuch über die Krankheiten des Kopfes‹, den K. anonym in den von Hamann herausgegebenen »Königsbergschen Gelehrten und Politischen Zeitungen« veröffentlicht.[…]

K.s materielle Lage ändert sich in allen diesen Jahren nach der Habilitation trotz seines wissenschaftlichen und pädagogischen Erfolges nur wenig. […] So lebt K. 15 Jahre lang im großen und ganzen von Hörgeldgebühren und Einnahmen aus der privaten Betreuung von Studenten. […] Erst knapp 2 Jahre später, mit 41 Jahren, erhält er seine erste, wenn auch äußerst bescheidene, festbesoldete Stelle: das mit 62 Talern im Jahr dotierte Amt des Subbibliothekars an der Königl Schloßbibliothek, das er bis 1772 gewissenhaft ausübt.

Der Übergang zur Kritik der reinen Vernunft (1769–81)

Gegen Ende der 60er Jahre bahnen sich jedoch in K.s beruflicher Situation von verschiedenster Seite her tiefgreifende Veränderungen an. Im Herbst 1769, K. ist mittlerweile 45, erhält er seinen ersten Ruf, und zwar auf den im Zuge einer umfassenden Universitätsreform neugeschaffenen ordentlichen Lehrstuhl für theoretische Philosophie (Logik und Metaphysik) an der Universität Erlangen. Ein Vierteljahr später aber erhält K. die Stelle, die er seit vielen Jahren angestrebt hat: die ordentliche Professur für Logik und Metaphysik an der Universität Königsberg; am 2.5.1770 wird er feierlich in sein Amt eingeführt.
Aus diesem Anlaß schreibt K. für die »in denen statutis Academicis verordnete öffentliche und solenniter zu haltende Disputationes» seine letzte und wichtigste lateinische Dissertation ›De mundi sensibilis atque intelligibilis forma et principiis‹. Die Disputation findet, von der begeisterten Anteilnahme seiner Studenten, die ein eigenes Huldigungsgedicht drucken lassen, begleitet, am 21.8.1770 statt, Respondent ist der jüdisch Medizinstudent Markus Herz, schon bald darauf einer der führenden Köpfe der Berliner Aufklärung. Die genannte Schrift, die K. in späteren Jahren immer wieder als die entscheidende Vorarbeit für die ›Kritik der reinen Vernunft‹ betrachtet hat, fällt in eine Übergangsphase, in der sich im Denken K.s schwerwiegende Veränderungen vollziehen (»Das Jahr 69 gab mir großes Licht«, heißt es in der berühmten autobiographischen Reflexion 5037), und ist daher wohl weniger die abschließende Fixierung eines Standpunktes als vielmehr ein momentaner Querschnitt durch einen noch mitten in Gang befindlichen Reflexionsprozeß. […]

Der Versuch, die Dissertation von 1770 zu überarbeiten und um »ein paar Bogen« zu erweitern, verstrickt K. schon bald in einen Reflexionsprozeß, der sich wider Erwarten über 10 Jahre hinzieht und schließlich zur ›Kritik der reinen Vernunft‹ führen wird.[…]
Mit der Absage an eine theoretische Erkenntnis des »mundus intelligibilis« gerät aber auch die Lösung, die K. 1770 für sein altes, nach wie vor akutes Problem, die Streitfragen der Metaphysik, gefunden hatte, abermals ins Wanken, ja diese treten erst jetzt in ihrer ganzen Schärfe als Antinomien zutage. Wenn auch die Gesetze des Verstandes ebenso wie die der Sinnlichkeit nur für die Welt der Erscheinungen gelten und also prinzipiell die gleiche Funktion haben, dann kann ihre Vertauschung nicht der wahre Grund, ihre Separierung nicht die wahre Auflösung der Streitfragen sein. So kommt es zwischen 1770 und 1781 zur Ausarbeitung einer eigenen Antinomienlehre, die den Widerspruch in die Vernunft selbst verlegt. […]

Die »Hartnäckigkeit« dieser Jahre bleibt nicht ohne Auswirkungen auf K.s Lebensführung. So schränkt er seine Vorlesungstätigkeit in der Regel auf 14, im SS 1772 sogar auf 10 Wochenstunden ein. Für 10 Jahre verzichtet er so gut wie ganz auf jede Publikation.[…] Immer wieder berichtet er über »Unpäßlichkeiten« und »indispositionen«. Zwei Rufe, die er in diesem Zeitraum erhält, der erste (1776) an die eben gegründete Academia Petrina in Mitau, der zweite (1778) an die Universität Halle auf den Lehrstuhl Wolffs, den angesehensten philosophischen Lehrstuhl Preußens, lehnt K. fast schon wie ärgerliche Störungen ab. Die Nachrichten über sein Auftreten in der Königsberger Gesellschaft werden seltener, an die Stelle spontaner Beziehungen treten allmählich feste Verbindungen und gesellschaftliche Verpflichtungen.[…] Vieles spricht dafür, daß sich in diesen Jahren – und nicht erst nach 1781 – der »Übergang vom eleganten Magister zum alten Kant« (Lehmann) vollzieht.

Die Durchführung des kritischen Systems (1781–96)

In merkwürdigem Kontrast zu dieser langen Zeit der Ausarbeitung geschieht die Niederschrift der ›Kritik der reinen Vernunft‹ nach K.s eigenem wiederholtem Bericht »gleichsam im Fluge« in »etwa 4 bis 5 Monathen«. Diese Zeitangaben nötigen zu der Annahme, daß K. dabei auf umfangreiche schriftliche Vorarbeiten zurückgegriffen hat; zahlreiche Schwierigkeiten des Werks mögen sich von hier aus erklären. Das Buch erscheint im Mai 1781. Es bleibt jedoch, wie K. betroffen registriert, für längere Zeit so gut wie ohne Echo. […]
Das Gefühl der inneren Befreiung und der Erwartung weicht damit bei K. in wachsendem Maße einem Gefühl der Enttäuschung und der Isolierung. Das Wissen um das heranrückende Alter verbindet sich bei ihm mit dem Bewußtsein, mit den neuen Einsichten der »Kritik» ganz auf sich gestellt zu sein. […] Es beginnt eine Zeit unerbittlicher schriftstellerischer Arbeit. […]
Die erste Schrift freilich, die K. nach der ›Kritik der reinen Vernunft‹ veröffentlicht, artikuliert noch einmal, wenn auch aus anderem Blickwinkel, die Grundgedanken seines Hauptwerks und versucht damit, der – wie K. selbst zugesteht – »gerechten« »Beschwerde« über eine »gewisse Dunkelheit« der ›Kritik‹ abzuhelfen. Es sind dies die ›Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können‹, die – mit einer schneidenden Erwiderung auf die »Götting. Rezension» als Anhang – im Frühjahr 1783 herauskommen.
Zwei Jahre darauf, im April 1785, erscheint die ›Grundlegung zur Metaphysik der Sitten‹ mit den nachgerade klassisch gewordenen Formulierungen des kategorischen Imperativs (»handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde«), in der K. – im Gegensatz zur herrschenden »Glückseligkeitsethik« seiner Zeit – die Grundzüge einer »Pflichtethik« zu entwickeln sucht. Auch sie ist das Resultat langjähriger Überlegungen: erste Pläne oder Vorarbeiten zu einer Schrift, die ›gleichsam die Metaphysic der Sitten‹ zum Thema haben sollte, gehen bis in die Mitte der 60er Jahre zurück, der Plan zu einer eigenen »Grundlegung« einer solchen »metaphysischen« Disziplin innerhalb der praktischen Philosophie mindestens bis Anfang 1784. In mancherlei Hinsicht eine Art Gegenstück dazu bilden im Felde der theoretischen Philosophie die ›Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft‹, die K. im Sommer 1785 – und zwar wiederum im Rückgriff auf weit zurückliegende Überlegungen – als notwendige Vorarbeit zur eigentlichen ›Metaphysik der Natur‹ ausarbeitet; sie erscheinen im Frühjahr 1786.

Zu eben diesem Zeitpunkt ist K. bereits von einer weiteren schriftstellerischen Aufgabe in Anspruch genommen: er arbeitet an »einer neuen sehr umgearbeiteten Auflage« der ›Kritik der reinen Vernunft‹, deren erste mittlerweile vergriffen ist. […]Aufgrund seines ersten Rektorats, bei dem K. unter anderem die Huldigungsfeierlichkeiten der Universität für den gerade gekrönten König Friedrich Wilhelm II. zu arrangieren hat, zieht sich diese Arbeit bis in den April 1787 hin, doch liegt die 2. Auflage schon 2 Monate später im Druck vor. Zugleich faßt K. in diesem Zeitraum entgegen früheren Plänen den Entschluß, seiner ersten Kritik – die er daher jetzt des öfteren, um wenigstens nachträglich die Parallelität herzustellen, als Kritik der »reinen speculativen« beziehungsweise »reinen (theoretischen)« Vernunft bezeichnet – eine zweite, die ›Kritik der praktischen Vernunft‹, folgen zu lassen, mit der er die Ansätze der ›Grundlegung zur Metaphysik der Sitten‹ weiterzuführen und gegen Einwände zu verteidigen sucht. […]Das Manuskript dieser zweiten Kritik gelangt im Juli 1787 zum Abschluß, die ersten gedruckten Exemplare hat K., obwohl das Titelblatt 1788 schreibt, bereits im Dezember 1787 in Händen.
Noch vor Abschluß dieser Arbeiten ist K. abermals mit neuen Überlegungen und Plänen beschäftigt, die das Gesamtsystem der kritischen Philosophie tiefgreifend verändern beziehungsweise erweitern und 3 Jahre später zu seiner dritten und letzten Kritik führen werden, der ›Kritik der Urtheilskraft‹, die von manchen als »das gewaltigste seiner Werke« (Windelband) betrachtet wird. […] In der Tat enthält denn auch das gedruckte Werk, das Ostern 1790 erscheint, zwei fast gleich starke Teile: die ›Kritik der ästhetischen‹ und die ›Kritik der teleologischen Urtheilskraft‹. […]

Zur Überraschung vieler Zeitgenossen entfaltet K. […] auch noch eine kaum weniger intensive publizistische Tätigkeit »Unser Pr. Kant … wird auf seine alten Tage der fleißigste Autor, wie aus sn Beyträgen zur Berl. Monathsschrift zur allgemeinen Litteraturzeitung, wo er Herder recensirt, zu ersehen«, witzelt Hamann am 9.3.1785 gegenüber Lindner. In der von Biester und Gedike 1783 gegründeten »Berlin. Monatsschrift«, die sich bald zum führenden Organ der deutschen Aufklärung entwickelt, veröffentlicht K. zwischen 1784 und 1796 nicht weniger als 15 Beiträge. Ihre Themen reichen von der Politik und Geschichtsphilosophie bis hin zur physischen Geographie. […] In der »Allgemeinen Literatur-Zeitung« erregt K. vor allem durch seine skeptischen Rezensionen von Herders ›Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit‹ (1785) starkes Aufsehen. In Wielands »Teutschem Merkur« erscheint der Aufsatz ›Über den Gebrauch teleologischer Principien in der Philosophie‹ (1788).
In engem Zusammenhang mit dieser publizistischen Tätigkeit für die »Berlin. Monatsschrift» steht eines der vielschichtigsten und verwickeltsten Kapitel der Biographie K.s: die politischen Schwierigkeiten während der sogenannten Ära Wöllner, die seine Altersjahre in wachsendem Maße überschatten. Schon im September 1786, wenige Wochen nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms II, äußert K. die Befürchtung, er werde »von seinem Brod … kommen«. Doch ändert sich an seiner äußeren Lage zunächst wenig, ja er wird sogar Ende 1786 Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin und erhält Anfang 1789, also mit 64 Jahren, als Zeichen der »wahren Zufriedenheit« des Monarchen eine nicht unbeträchtliche Gehaltszulage; das entsprechende Reskript ist von dem neuen Kultusminister Johann Christoph von Wöllner unterzeichnet. Im Sommer 1791 freilich kursieren in Berlin bereits Gerüchte, man habe K. »das fernere Schreiben untersagt«.

Der eigentliche »Zensurkonflikt« K.s entzündet sich an seiner späteren religionsphilosophischen Hauptschrift über ›Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft‹. […] Bereits Ostern 1793 liegt das Werk im Druck vor.[…]
[1794] erhält der 70jährige K., der auf der Höhe seines Ruhms steht, ein scharfes, von Wöllner selbst unterschriebenes Königliches Reskript (vom 1.10.1794). Es gipfelt in der unverhohlenen Drohung, K. habe sich »bei fortgesetzter Renitenz unfehlbar unangenehmer Verfügungen zu gewärtigen«. In einem ausführlichen Antwortschreiben weist K. zunächst den Vorwurf Wöllners zurück, er habe seine Philosophie »zu Entstellung und Herabwürdigung mancher Haupt- und Grundlehren der heiligen Schrift und des Christenthums mißbraucht«. Am Schluß seines Schreibens aber tut K. –zur Überraschung seiner Freunde wie seiner Gegner – wie so häufig das gänzlich Unerwartete: er verzichtet in aller Form auf jede weitere Äußerung im Felde der Religionsphilosophie. […] Die Sorge, bei einer längeren Diskussion im Hin und Her von Anklage und Verteidigung zu mehrdeutigen oder mißverständlichen Äußerungen über die Sache gedrängt zu werden, mag bei dieser – immer wieder diskutierten und umstrittenen – Entscheidung eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.

Nach dem Tode Friedrich Wilhelms II. hat K. die genannten beiden Schriftstücke 1798 in seiner Abhandlung ›Der Streit der Facultäten‹ selber der Öffentlichkeit vorgelegt. […] Zuvor aber verlagert K., weit entfernt von Resignation oder Mutlosigkeit, seine schriftstellerische Arbeit auf ein anderes, kaum weniger brisantes Tätigkeitsfeld: das Feld des Politischen. Etwa ein Jahr nach dem Reskript Wöllners, im Herbst 1795, erscheint seine Schrift ›Zum ewigen Frieden‹. Sie findet eine ungewöhnlich rasche Verbreitung: die 1. Auflage von 2.000 Exemplaren ist in kürzester Zeit vergriffen, noch im gleichen Jahr wird vom Verleger ein Nachdruck hergestellt, bereits ein Jahr später kommt die 2. »vermehrte« Auflage heraus. Zwei französische Übersetzungen erscheinen 1795 in Bern und 1796 in Königsberg.

Die letzten Schriften, die K. noch selbst zum Abschluß bringt, fallen fast ausnahmslos in den Bereich der praktischen Philosophie. Ihr leitendes Interesse gilt nun aber nicht mehr wie in den 80er Jahren der Grundlegung und Kritik, sondern der inhaltlichen, »doctrinalen« Ausführung und Vervollständigung des kritischen Systems, oder anders formuliert: der Anwendung der kritischen Grundsätze auf die konkreten Probleme menschlichen Handelns. […]
Im darauffolgenden Jahr schließlich erscheint K.s ›Anthropologie in pragmatischer Hinsicht‹, die gleichsam den empirischen Teil der praktischen Philosophie abdeckt. Ihr Thema sind nicht die »reinen«, a priori einsichtigen Imperative des moralischen Verhaltens (der »Sittlichkeit«), sondern die auf Beobachtung und Lebenserfahrung beruhenden Regeln des pragmatischen Umgangs mit Menschen (der »Klugheit«). Diese Schrift, ihre Ausarbeitung fällt allem Vermuten nach in die Jahre 1796/97, nimmt unter K.s Veröffentlichungen eine Sonderstellung ein: sie […] ist die einzige Vorlesung, die noch von ihm selbst für den Druck ausgearbeitet worden ist. […]
Seine übrigen Vorlesungen sind nicht mehr von K. selbst (der allem Vermuten nach im SS 1796 sein letztes Kolleg gehalten hat) veröffentlicht worden. Vielmehr geht K. Anfang des Jahres 1799 daran, die »Koncepte« und »Papiere«, nach denen er seine Vorlesungen gehalten hatte, zwei jüngeren Kollegen, die früher einmal zu seinen Hörern gezählt hatten, zu übergeben und ihnen die Bearbeitung und Drucklegung derselben zu übertragen. […] Die exakte wissenschaftliche Edition und Analyse aller dieser Vorlesungen, die eine wichtige Ergänzung zu den gedruckten Werken bilden, ist bis heute nicht abgeschlossen.

[…]Das letzte Lebensjahr ist durch einen rapiden Verfall der körperlichen und geistigen Kräfte gekennzeichnet, den K. selber mit schrecklicher Deutlichkeit registriert. Am 8. Oktober 1803 erkrankt er zum ersten Mal in seinem Leben schwer, vier Monate später, am 12.2.1804, Sonntag vormittags um 11 Uhr, setzt der Tod seinem Leben ein Ende.

Wirkungsgeschichte

Die Wirkungsgeschichte der K.schen Philosophie ist nicht ohne Zwiespältigkeit, ja Tragik. Auf der einen Seite nämlich hat K. den weiteren Gang der Philosophie bis hin zur Gegenwart in Problemstellung und Terminologie tiefgreifend beeinflußt. Kaum eine philosophische Richtung der Folgezeit ist nicht in irgendeiner Form davon betroffen. Auf der anderen Seite aber sind die Grundintentionen und -haltungen seines Denkens wohl zu keinem Zeitpunkt in ihrer ganzen Vielfalt genuin aufgenommen und weitergeführt worden, ja es stellt sich die Frage, ob es nicht bestimmte Momente innerhalb der kritischen Philosophie selber gewesen sind, die schon bald eine philosophische Bewegung ausgelöst haben, welche den grundlegenden Überzeugungen K.s diametral widersprach. […] Die Wirkung, die von K. ausging, beschränkt sich jedoch nicht auf den Bereich der Philosophie. Kaum weniger stark ist seine Ausstrahlung auf andere Wissenschaften, ja auf weite Bereiche des öffentlichen Lebens gewesen. Das gilt vornehmlich für die protestantische Theologie, aber auch für nicht unbedeutende Strömungen innerhalb des Katholizismus, für die Rechtswissenschaft, die Geschichtswissenschaft, die Soziologie und für die Pädagogik. Im Felde des Politischen wären an erster Stelle die preußische Reformbewegungen zu nennen sowie respektable Strömungen innerhalb der deutschen Sozialdemokratie, die von dem »neukantischen Sozialismus« insbesondere Cohens beeinflußt sind. In der Literatur sind es vor allen anderen Schiller und Kleist, die von dem epochemachenden Einfluß der K.schen Philosophie Zeugnis geben.

Werke von oder mit Immanuel Kant:


Umschlagfoto

Philosophical Academic Programs of the German Enlightenment

A Literary Genre Recontextualized.

FMU I,4
2012
XVIII, 399 S.
Leinen
ISBN 978-3-7728-2617-7
Lieferbar
€ 186,–

Einzelausgaben

Umschlagfoto – nicht vorhanden

Immanuel Kant: Erste Einleitung in die Kritik der Urteilskraft

Originalgetreuer Faksimiledruck der von Kant verbesserten und ergänzten Handschrift (Univ.-Bibliothek Rostock) mit paralleler diplomatischer Transkription.

1965
VII, 93 S.
Leinen
ISBN 978-3-7728-0206-5
Lieferbar
€ 98,–

Umschlagfoto

Immanuel Kant: Reflexionen Kants zur kritischen Philosophie

Aus Kants handschriftlichen Aufzeichnungen herausgegeben von Benno Erdmann.
1992
838 S.
Leinen
ISBN 978-3-7728-1464-8
Lieferbar
€ 198,–
© frommann-holzboog Verlag e.K. 2017