Matthias Knutzen

Religionskritiker,
* Anfang 1646 Oldenswort (Eiderstedt),
† nach 1674. (lutherisch)

K. besuchte die Schule in Oldenswort und kam dann zu seinem Bruder nach Königsberg, wo er zunächst auf das Altstädtische Gymnasium ging und 1664 mit dem Theologiestudium begann. Im Sommer 1668 immatrikulierte er sich in Kopenhagen erneut. Wie schon vorher schlug er sich auch danach an verschiedenen Orten als Hauslehrer durch. Ende 1673 kehrte er mittellos in seine Heimat zurück. Er erhielt eine Stelle als Dorfschullehrer und Hilfsprediger in der Kremper Marsch, wurde aber Ende Dezember schon wieder entlassen, weil er in seinen Predigten die kirchliche Obrigkeit angegriffen hatte. Ende Februar 1674 war er angeblich in Rom. Im folgenden September kam er nach Jena, verbreitete dort unerkannt einige handgeschriebene Flugschriften, ging dann nach Coburg und Altdorf und wurde am 22.10.1674 ein letztes Mal in Jena gesehen. Dann verliert sich seine Spur. Einer nicht überprüfbaren Nachricht zufolge soll er in einem italienischen Kloster gestorben sein.

Daß K., den spärlichen Quellen nach zu urteilen, schon früh in das akademische Proletariat abgesunken ist, erklärt sich weitgehend aus der Radikalität seiner Ansichten. In seinen drei erhaltenen Flugschriften machte er sich zum Sprecher einer angeblich in den großen Städten Europas weit verbreiteten Gemeinschaft der »Gewissener« (Conscientiarii), die es aber als Sekte wohl nie gegeben hat. Was K. ihnen zuschreibt, ist seine eigene Lehre. Er nutzt die Widersprüche der Bibel zu radikaler Kritik an der Schriftautorität; nicht die Offenbarung, sondern die natürliche Vernunft und das Gewissen sind ihm Maßstab des Glaubens. Kirche und weltliche Obrigkeit sind zu beseitigen; das Gewissen ersetzt Bibel, Prediger und Obrigkeit. Der positive Gehalt der Lehre ist in eine Formel aus dem römischen Recht gekleidet: Ehrlich leben, niemanden beleidigen und jedem das Seine geben. Woher K. seine Anregungen bekommen hat, ist nicht bekannt, doch sind Einflüsse der Sozinianer zu vermuten. Wegen ihrer für das damalige Deutschland ungewöhnlichen Radikalität erregten die Flugschriften zunächst heftige Abwehr bei den Theologen und später das Interesse der Aufklärer.

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